Während sich alles um CO2 dreht, verbietet Deutschland eine andere wichtige Maßnahme

Klimaschutz, so scheint es, heißt vor allem, CO2-Emissionen zu reduzieren. Doch das ist gerade mal die halbe Miete. Der Ausstoß anderer Schadstoffe müsste auch verringert werden. Doch darüber, wie auch über die sogenannte CO2-Endlagerung, wird viel zu wenig diskutiert.

Im Herbst sind Bundestagswahlen und das Thema Klima­wandel steht nicht erst seit den verheerenden Hoch­wasserfluten in Teilen Deutschlands ganz oben auf der Agenda der allermeisten Parteien. Ihr Ziel ist mehr oder weniger identisch: Deutschland soll klimaneutral werden. Das erst im Juni verabschiedete Klimaschutzgesetzt schreibt vor, dass Deutschland im Jahr 2045 nur noch so viel Treibhausgas ausgestoßen soll, wie von der Natur wieder aufgenommen werden kann. Mit diesem Vorhaben steht Deutschland nicht allein da. Die EU und die USA wollen bis 2050 die Klimaneutralität erreichen, China bis 2060.

Zum Bild: Beim Klimaschutz blickt alles auf CO2-Emissionen – andere Maßnahmen werden kaum diskutiert. Bild: dpa/Julian Stratenschulte/dpa

Auch wenn die Anstrengungen groß sind, der Weg dahin ist ein steiniger. So stehen hinter dem geplanten globalen Ausbau der Wasserstofftechnologie, der eine wichtige Säule im Kampf gegen den Klimawandel ist, noch viele Fragezeichen. Ungeklärt ist beispielsweise, wo die bis zu 40 Tonnen Iridium gewonnen werden sollen, die dafür jährlich nötig sind. Aktuell wird das Edelmetall zu 80 Prozent in südafrikanischen Minen geschürft, allerdings liegt die Produktion dort nur bei acht Tonnen.

Beim Abbau von Lithium für Batterien gibt es ebenfalls Engpässe. Laut Prognosen der Internationalen Energieagentur IEA lässt sich mit den bis dato erschlossene Reserven und den momentan im Bau befindlichen Projekten nur etwa die Hälfte des bis 2030 prognostizierten globalen Lithiumbedarfs abdecken. Problematisch ist auch der Umgang mit dem internationalen Schiffsverkehr, der beim Pariser Klimaabkommen ausgeklammert worden ist. Hier wird eine Steigerung des CO2-Ausstoßes bis 2050 um 30 Prozent erwartet. Diese Beispiele zeigen nur einige der Hürden, die es auf dem Weg zur Klimaneutralität zu überwinden gilt.

Klimaschutz-Maßnahmen gegen Methan werden kaum diskutiert

Allerdings gibt es auch Lösungen, die in der öffentlichen Diskussion bislang nur eine untergeordnete Rolle spielen, aber sehr effektiv wirken könnten. Die erste zielt auf eine schnelle und deutliche Verringerung des Methanausstoßes ab. Dieses Gas, das vor allem bei der Kohle-, Erdöl- und Erdgas-Gewinnung, in Mülldeponien sowie in der Viehhaltung entsteht, ist deutlich klimaschädlicher als Kohlenstoffdioxid und gilt nach CO2 als der zweitschlimmste Klimakiller. Wissenschaftler gehen davon aus, dass Methan etwa 25-mal stärker wirkt als Kohlenstoffdioxid. Damit sorgen bereits kleine Mengen für einen großen Treibhauseffekt.

Das Problem: Seit 2007 steigt die Methankonzentration in der Atmosphäre rasant an, seit 2014 hat sich der globale jährliche Methanausstoß noch einmal verdoppelt. Die genauen Gründe dafür sind unklar. Als Hauptverdächtige gilt die Landwirtschaft. Bekanntlich wird in den Mägen von Kühen Methan gebildet. Da die globale Rinderzucht in den vergangenen Jahren stetig gewachsen ist, hat sich dieses Problem verschärft. Hinzu kommt ein weiteres Dilemma: Durch die globale Klimaerwärmung tauen die riesigen Permafrostböden Russlands nach und nach auf. Die Folge: Die enormen Mengen an Methan, die in den gefrorenen Böden und Mooren gespeichert sind, werden freigesetzt.

Zum Bild: Rinderherde in Südamerika. Neben CO2-Emissionen ist auch der Ausstoß von Methangas aus der Landwirtschaft ein Problem fürs Klima. Bild:imago/blickwinkel

Dennoch gibt es Möglichkeiten, den Methan­ausstoß zu re­du­zie­ren. Ein Drittel des menschlich verantworteten Methan­ausstoßes ist der Öl- und Gasindustrie zu­zu­schrei­ben. Erdgas besteht größtenteils aus dem energiereichen Methan. Aufgrund unzähligen Lecks an Bohrtürmen und Pipelines entschwinden riesige Mengen in die Atmosphäre. Im Prinzip wäre es ein leichtes, mit modernen Sensoren und Überwachungsmitteln die Löcher zu stopfen. Damit könnte die Industrie innerhalb kürzester Zeit den Methanausstoß erheblich reduzieren. Doch die fühlt sich bislang nicht verantwortlich. Nun reagiert die Politik. Die Europäische Union hat eine „Methan-Strategie“ vorgelegt, um die Emissionen zu reduzieren. Entsprechende Ziele sind bereits formuliert: Der Weltklimarat will die Methanemissionen bis 2050 um 35 Prozent senken.

Ohne CO2-Einlagerung sind die Ziele praktisch nicht erreichbar

Eine zweite, vielversprechende Möglichkeit im Kampf gegen den Klimawandel sind CCS-Projekte (Carbon Capture and Storage), also die Abscheidung von CO2 aus industriellen Abgasen und dessen Speicherung im Untergrund. Die Technologie ist erprobt: Das Treibhausgas, das in großen Mengen in Zement- und Stahlwerken oder in fossil betriebenen Kraftwerken anfällt, wird verflüssigt und tief unter die Oberfläche gepumpt, wo es sich mit dem Gestein verbindet. Dadurch gelangt das Klimagas nicht mehr in die Atmosphäre. 2018 stellte der Weltklimarat fest, dass ohne CCS die Ziele des Pariser Klimaabkommens nicht erreichbar sein werden. Doch bisher spielt die dieser Ansatz nur eine sehr untergeordnete Rolle, nicht einmal ein Prozent der globalen Klimainvestitionen fließen in CCS-Projekte.

Ein Hemmschuh sind die hohen Kosten. Derzeit kostet das Absaugen und Verflüssigen von einer Tonne CO2 rund 500 Dollar, während beim europaweiten Handel mit Emissionszertifikaten der Preis für eine Tonne Kohlendioxid auf rund 50 Euro taxiert wird. Das heißt: Aus betriebswirtschaftlicher Perspektive ist die Speicherung völlig unattraktiv. Doch das muss nicht so bleiben. Während CCS-Unternehmen daran arbeiten, die Speicherkosten auf 100 Dollar je Tonne zu senken (ca. 85 Euro), will die Politik den Preis für Emissionszertifikate kräftig steigen lassen. Sie sieht darin ein gutes Steuerungselement, um den Einsatz nachhaltiger Technologien fördern und den Umbau der europäischen Wirtschaft hin zu einer „Green Economy“ bewältigen zu können. Anfang 2021 rückte das Thema CCS stärker in den Fokus der Öffentlichkeit, als Tesla-Chef Elon Musk ankündigte, ein Preisgeld über 100 Millionen Dollar für das beste Verfahren auszuloben.

Trotz Zuspruch der Wissenschaft: Deutschland hat Einlagerung verboten

Paradoxerweise ist in Deutschland „Carbon Capture and Storage“ seit 2012 verboten. Bürger und Umweltaktivisten hatten damals mit dem Begriff „CO2-Endlager“ eine verwirrende Nähe zur Kernkraft suggeriert und ein Scheitern des geplanten CO2-Speichergesetzes erwirkt, der Bundesrat stimmte gegen das Gesetz. Die Gegner kritisierten zum einen, dass durch CCS der Anreiz geschmälert werde, sich von der fossilen Energieerzeugung zu verabschieden. Zum anderen befürchteten sie, dass die CO2-Speicher nicht sicher seien und ein unkontrolliertes Entweichen des Gases gefährlich für Mensch, Umwelt und Klima sein könnte.

Dies wird von Wissenschaftlern bestritten. Sie bewerten die Speichertechnologie als sehr sicher, ein völlig unkontrollierter Austritt sei äußerst unwahrscheinlich. Die Sicherheit der Technologie zeige sich allein schon daran, dass es Dutzende unterirdische Erdgasspeicher gebe, welche die Versorgung Deutschland sicherstellen soll, sollte es zu Lieferengpässen kommen. Gegen diese Speicher protestiert niemand.

Dabei gäbe es reichlich unterirdische Lagerstätten. Das Bundesamt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) sieht Raum für zehn Milliarden Tonnen CO2, die in ausgeförderten Gasfeldern oder porösen Gesteinsschichten sicher eingelagert werden könnten – genug, um den deutschen Kohlendioxidausstoß von 12 Jahren unter die Erde zu bringen. Zwar wurde im Juni dieses Jahres das Gesetz gelockert, so dass der „grenzüberschreitende CO2-Transport zwecks Speicherung im Untergrund“ nun erlaubt ist. Die inländische Kohlendioxid-Speicherung ist aber immer noch verboten.

Eine weitere Möglichkeit ist die Speicherung von Kohlendioxid im Meeresboden. Norwegen gilt bei diesem Ansatz als Pionier. Das Projekt „Northern Lights“, ein Joint Venture dreier großer europäischer Energiekonzerne, will die Verpressung von verflüssigtem CO2 vor der norwegischen Küste zu einem europäischen Projekt machen. Über 50 Kunden aus verschiedenen europäischen Industriebranchen mit einem intendierten Speicherbedarf von rund 50 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr sollen bereits zu den Kunden zählen. Noch vor 2030 soll die Verpressung von Kohlendioxid mehrere Tausend Meter tief im Meeresboden wirtschaftlich sein.

Quelle: focus.de (Datum: 21.08.2021)